Von Yussuf Abdel Hadi
Kaum eine Woche vergeht, in der nicht von islamistischen Attentaten zu lesen wäre. Im elsässischen Mülhausen geht ein ausreisepflichtiger Algerier mit einem Messer und einem Schraubenzieher auf die Besucher eines Wochenmarktes los. Ein 69-jähriger Passant, der sich dem Angreifer in den Weg stellt, stirbt. Der Schlachtruf des Täters: „Allahu akbar“. In Frankreich gab es in den letzten Jahren Dutzende solcher Vorfälle.
2020 enthauptete ein Tschetschene einen Lehrer auf offener Strasse, weil dieser sich des „Verbrechens“ schuldig gemacht hatte, in der Schule eine Diskussion über Meinungsfreiheit zu führen. Der Attentäter bezeichnete den französischen Staatspräsidenten als Anführer einer Nation von ungläubigen Höllenhunden. Das Verbrechen erinnerte an die Gewalt des Islamischen Staates, von der sich die Al-Azhar-Universität, die mächtigste Stimme des sunnitischen Islam, erst nach langem Schweigen distanzierte.
Heute, nur fünf Jahre später, ist der Jihadismus auch in Deutschland nicht mehr zu übersehen. Im bayrischen Aschaffenburg ist ein ausreisepflichtiger Afghane mit einem Küchenmesser auf einen zweijährigen Jungen losgegangen. Der Junge erlag seinen Verletzungen ebenso rasch wie der Passant, der die Kindergartengruppe mit seinem Eingreifen vor weiteren Angriffen bewahrte. In München raste ein afghanischer Asylbewerber mit dem Auto in eine Demonstration der Gewerkschaft Verdi, tötete dabei eine junge Mutter und ihre zweijährige Tochter und verletzte mindestens 37 weitere Menschen schwer.
Im österreichischen Villach stach ein dreiundzwanzigjähriger Syrer wahllos auf Menschen ein, ein Jugendlicher starb. Seither geht das Bild des „lachenden Täters“ um die Welt. Er hebt seinen Finger zum Tauhid-Gruss, um seine Verbundenheit mit dem Islamischen Staat zu demonstrieren;– und seine Absicht, noch mehr Ungläubige zu töten. Ausschnitte einer Chronik der Gewalt im Zeitraum weniger Monate. Trotzdem ist es in Europa eher ruhig. Viele Politiker scheinen die Gefahr, die von islamistischen Ideologien ausgeht, noch immer nicht erkannt zu haben.
Gefördert werden diese Strukturen beispielsweise in Deutschland von Bundesministerien und von zahlreichen Stiftungen. Das Bündnis Claim etwa hat 2020 und 2021 insgesamt 960.000 Euro vom Bundesfamilienministerium erhalten. Es arbeitet mit dem Politikwissenschafter Farid Hafez zusammen, der die radikal antisemitischen Ideologen der Muslimbruderschaft in seinen Schriften als demokratische Denker darstellt.
Man kennt den Schlachtruf der Muslimbrüder: Der Jihad ist unser Weg. Es ist ihr Ziel, in Europa islamische Gottesstaaten zur errichten. Man weiss, dass sie Juden dämonisieren und den jüdischen Staat Israel vernichten wollen; dass ihre Vordenker die Todesstrafe für Homosexuelle und Ehebrecher befürworten und alle, die dem Islam abtrünnig werden, nach ihrer Vorstellung getötet werden müssen. Dabei muss man sich bewusst sein: Die Muslimbruderschaft gilt im Vergleich zum Salafismus als gemässigt.
Laut einem französischen Geheimdienstbericht werden 150 Gemeinden in Frankreich von Islamisten kontrolliert. Eine Strassenschlacht zwischen Tschetschenen und Maghrebinern in Dijon legte im Juni 2020 ein ganzes Stadtviertel lahm. Die Polizei war überfordert, geschlichtet wurde der Streit von einem Imam der Muslimbruderschaft.
In Deutschland berief der deutsche Innenminister zur gleichen Zeit einen „Expertenkreis Muslimfeindlichkeit“ ein, in dem Apologeten und Kooperationspartner reaktionärer Bruderschaften vertreten sind. Und die jeden, der Kritik an Unterdrückung, Verfolgung und Brutalität im Namen Gottes äussert, mit dem Vorwurf der Islamophobie einzuschüchtern versuchen.
Man liest vom weltweiten Vormarsch eines fundamentalistischen Islam, der aus arabischen Staaten mit Petrodollars finanziert wird, hört von Politikern in Indonesien, die wegen behaupteter Blasphemie im Gefängnis sitzen, von Homosexuellen, die in sieben islamischen Staaten mit dem Tod bestraft werden, von Regimekritikern, die der islamische Staat Iran erhängen lässt und die anders als Alexei Nawalny nicht auf die Solidarität europäischer Regierungen hoffen dürfen. Man erfährt von niedergebrannten Schulen und Kirchen in Niger, Tschad oder im Sudan, von Hunderttausenden Mauretaniern, die noch heute in arabischer Sklaverei leben, weil Allah das angeblich so will. Gleichzeitig wird entgegen jeder Empirie das Märchen erzählt, dass die gesamte westliche Welt von einem tiefsitzenden, blinden Hass auf den Islam besessen sei.
Die Opfer des Terrors sind nicht nur Christen, Juden, Buddhisten, Atheisten und Agnostiker. Es geht auch um Muslime, die in repressiven Milieus ihrer Freiheit benommen sind, um Frauen, die ein rechtloses Leben als maskiertes Verfügungsobjekt männlicher Lust führen, um Schwule und Lesben, die auch in Deutschland von selbsternannten „Ehrenmännern“ gejagt werden, um Menschen, die ihren Glauben verlieren und mit dem Tod bestraft werden sollen.
Erinnern wir uns, dass der Brüsseler Imam, der Salman Rushdie in Schutz nahm, dafür sein Leben lassen musste, dass Rushdies japanischer Übersetzer ermordet wurde und der norwegische, der italienische und der türkische Übersetzer Mordanschläge überlebten, die 37 Todesopfer forderten. Damals, in den neunziger Jahren, hatte der politische Islam seinen Vormarsch erst richtig begonnen, gestützt von einer postkolonialen Ideologie, die auch den blutigsten Terror und die schlimmste Repression als kulturelle Eigenheit verharmlost.
Religionskritik ist, wo sie nicht in säkulare Selbstgewissheit umschlägt, eine noble Form des Zweifels, die jeder ernstzunehmenden Religion eigen sein sollte, weil sie aus Prinzip mit dem Unerkennbaren zu tun hat. Es geht nicht, wie in Ungarn, um die taktische Beschwörung eines christlichen Abendlands. Es geht nicht um die Verdammung von Muslimen, die ihren Glauben friedlich leben. Es geht auch nicht darum, den westlichen Individualismus zum letzten Horizont zu verklären. Aber wo sich die Rückkehr der Religion als blutiger Obskurantismus präsentiert, sollte für jeden Menschen eine Grenze verlaufen.